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Judith Seipel-Rotter
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Wer schweigt, stimmt zu - das gilt damals wie heute.

Piratengedanke von Judith Seipel-Rotter am 22. August 2010 über ...

Weshalb Google Street View trotzdem problematisch ist

Es ist offensichtlich richtig hip, gegen Google Street View zu sein, fast alle Parteien machen es vor. Machen wir es deshalb nach? Die wichtigere Frage ist für mich: Wenn alle gegen Google Street View sind, muß ich deswegen zwangsweise dafür sein, damit ich noch so rebellisch, individuell und cool rüberkomme wie vorher?

Ich gebe zu, es war in der Tat eine rhetorische Frage. Denn ich möchte hier erläutern, weshalb das Ganze trotz allen anderen wichtigen Themen dennoch problematisch ist.

Was ist, wenn ich selbst in Google StreetView abgelichtet wurde?
Google gibt sich Mühe, die Gesichter aller Personen, sowie die Nummernschilder aller in Streetview erfaßten Autos zu verpixeln und damit unkenntlich zu machen. Das Verpixeln dieser Aufnahmen ist ein automatischer Prozeß und er ist laut Google bei Gesichtern zu etwa 89%, bei Nummernschildern über 90% erfolgreich. Sollte jemand ein Bild finden, das bei diesem Automatismus durch das Raster gefallen ist, so kann es Google gemeldet werden. Google verspricht, in diesen Fällen eine Verpixelung nachzuholen.

Na dann ist doch alles in Ordnung - oder doch nicht?
Unkenntlich gemacht wird lediglich das Gesicht der Person. Der Rest des Körpers bleibt weiterhin für die ganze Welt sichtbar. Davon abgesehen, daß eine Person auch erkennbar bleibt, wenn man ihr Gesicht nicht sehen kann, ergeben sich weitere Problematiken: Egal in welcher Situation sich die Person befand, als die Fotografie angefertigt wurde, sie bleibt für die Welt sichtbar. Das hat im Internet bereits dazu geführt, daß eine Menge Bilder-Galerien angelegt wurden, auf denen die "witzigsten" StreetView-Bilder samt der genauen Adressangabe aufgeführt sind. Prof. Koehler gibt in seinem ausführlichen Gutachten (Link zum PDF) ein paar Beispiele, wie schnell "witzig" zu Ernst wird, wenn man selbst davon betroffen ist:
  • Ein buckliger Mann wird in einer solchen Galerie unter dem Titel "Quasimodo" (und der genauen Adressangabe) der Lächerlichkeit in der Öffentlichkeit preisgegeben. Für Nachbarn und Bekannte ist er leicht identifizierbar.
  • Eine junge Frau wird beim Entleeren eines Eimers gezeigt. Ihr Dekolleté ist deutlich sichbar.
  • Ein Bild mit dem Titel "Angehörige warten vor dem Gefängnis" zeigt eine Gruppe wartender Personen vor dem Gefängnistor. Außer dem Gesicht ist auch hier alles erkennbar.
  • Zwei Kinder schaukeln in einem Garten. Auch hier kennt jeder die genaue Adresse ihres Wohnorts.
  • Eine Frau, die sich oben ohne auf einem Balkon sonnt.
  • Ein bewußtloser Mann am Straßenrand mit unverpixeltem Gesicht.
  • Ein Mann beim Betreten eines Sex-Shops.
Solche Bilder sind unter dem Begriff "Blur-Fail" per Suchmaschine leicht im Internet zu finden und sie verletzen die Menschenwürde und das Persönlichkeitsrecht eines jeden. Möchtest Du beispielsweise gern in der Haut dieser Person stecken? Oder dieser? Oder dieser? Perfiderweise werden viele dieser Bilder auf einer Unterseite von Google Street View von Google selbst bereitgestellt. Zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass mit speziellen (kostenlosen!) Bildbearbeitungsfiltern die Verpixelung sogar soweit rückgängig gemacht werden kann, dass Gesichter nahezu wiederhergestellt werden. Google verspricht zwar, die Rohdaten nur so lange aufzubewahren, bis eine Verbesserung der Verpixelung erreicht wird, und sie dann zu löschen. Ob das auch tatsächlich geschieht, nun, das nachzuprüfen gibt es leider keine Handhabe...

Und wo soll das Problem liegen, wenn nur mein Haus in Google StreetView zu sehen ist?
Ganz davon abgesehen, ob es nun rechtens ist oder nicht, Gebäude und Grundstücke mit einer Kamera zu fotografieren, die über der normalen Augenhöhe eines Passanten angebracht ist, damit sie über Zäune und Hecken "sehen" kann, stellt sich die Frage, welche Vorteile sich beispielsweise für Firmen ergeben, jederzeit weltweit vom Aussehen eines (Wohn-)Gebäudes nur einen Mausklick entfernt zu sein.

Je detaillierter die Daten über eine Person sind, desto wertvoller sind sie für die Werbe- und Marketingbranche. Nehmen wir Hans Mustermann. Hans Mustermanns Adresse, Geburtsdatum, Emailadresse und sein Kaufverhalten wurden bereits (beispielsweise durch Preisausschreiben und/oder PayBack-Systeme etc.) erfaßt und an die ABC Sales GmbH verkauft. Werden seine Daten noch um seine Vermögensverhältnisse ergänzt, so ergibt sich ein Käuferprofil, wie es sich ein wirtschaftliches Unternehmen nur wünschen kann. Sein Wohnhaus ist nun über seine Anschrift in Google StreetView in wenigen Schritten gut sichtbar. Ist es die Villa in der Straße, das Einfamilienhaus, die schicke Altbaufassade? Oder doch das Wohnsilo mit all den Parabolantennen? Wurden solche Fotos früher mühsam (zum Teil illegal) angefertigt und verkauft, so ist das nun gar nicht mehr notwendig. Mit Google StreetView laßt sich eine solche Aussage über Vermögensverhältnisse für jeden von uns binnen Sekunden treffen.

Was mit solchem "Geomarketing" bereits jetzt schon alles möglich ist, beschreibt ein Artikel der Zeit ( http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/06/Geomarketing.xml ) noch wesentlich detaillierter.

Also, was tue ich jetzt?
Wenn Du nicht willst, daß Dein Haus in Google Street View erkennbar ist, solltest Du wenigstens Widerspruch einlegen. Das geht bei Google mittlerweile bequem per Webformular (https://streetview-deutschland.appspot.com/submission). Wer die Daten seines Wohnhauses (es genügt, zur Miete dort zu wohnen, man muß NICHT der Besitzer sein) dort eingetragen hat, der bekommt eine Bestätigung per Post, mit deren Hilfe man dann wohl die Unkenntlichmachung in Auftrag geben kann. Schade, daß Google nicht wenigstens ansatzweise einen ähnlichen Aufwand getrieben hat, wie ich ihn jetzt auf mich nehmen muß, um MICH zu fragen, ob sie es überhaupt fotografieren sollen. Statt eines solchen Opt In-Verfahrens muss nun jeder Einzelne, der das nicht will, die Veröffentlichung nachträglich untersagen (und womöglich noch Ärger mit anderen Mietern im Haus bekommen, die da anderer Meinung sind. Auch das hat Google offenbar geflissentlich ignoriert).

Noch ein letzter Hinweis von der Widerspruchs-Webseite:
"Street View wird zunächst in den Städten Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart und Wuppertal gestartet. Sofern Sie ein Gebäude/Grundstück in einer dieser Städte unkenntlich machen lassen möchten, müssen Sie den Verifizierungscode bis zum 06.10.2010 auf der Webseite, deren Adresse die wir Ihnen per E-Mail zuschicken werden, eingeben. Für alle anderen Gebiete kann der Verifizierungscode bis zum 31.12.2010 eingegeben werden."

Und dann ist alles gut?
Nein. Denn auch die Information, daß Dein Haus verpixelt wurde, ist eine Information. Zumindest mal die Information, daß Du nicht möchtest, daß man Dein Haus im Internet sieht. Ganz davon abgesehen, daß die oben erwähnten "Blur Fails" damit nicht vom Tisch sind. Aber sollten wir deswegen nicht trotzdem tun, was wir eben tun können?

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