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Judith Seipel-Rotter
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Wer schweigt, stimmt zu - das gilt damals wie heute.

Piratengedanke von Judith Seipel-Rotter am 09. Dezember 2010 über ...

Vom Luxus, die eigenen Kinder zu vernachlässigen

Daß unser Bildungssystem marode ist, das ist wohl für Niemanden eine Neuigkeit. Doch wie soll das Rezept für eine bessere Bildung aussehen? Um sich diese Frage zu beantworten, muß man sich ansehen, wie es derzeit um unsere Bildung bestellt ist. Ich sehe Schüler, die bis spät abends an ihren Hausaufgaben sitzen. Die Angst vor Prüfungen haben und Angst davor, nicht versetzt oder ausgesiebt zu werden. Sich in die Schule quälen. Bulimieartig große Mengen Wissen in den Kopf hauen, nur um ihn dann wieder erbrechen zu müssen und nichts von dem verstehen, was sie auswendig lernen. Am Ende stehen sie alle einer großen Perspektivlosigkeit gegenüber und der PISA-Test bescheinigt ihnen allen eine schlechte Leistung (-> Deutsche Schüler im weltweiten Mittelfeld? Ist das für eines der reichsten Länder der Welt wirklich ein Grund, sich endlich „in der Ersten Liga“ zu wähnen?). Die Schüler werden ab der vierten Klasse bereits entweder als Minderleister aussortiert und in Hauptschulen vergessen, auf zweifelhafte Realschulen geschickt oder in die Härte der Gymnasium gepfercht, in der sie beweisen müssen, daß sie es auch wert waren.

Was läuft da schief?

Die Eltern sind schuld?

Wir brauchen mehr Anstrengung und vor allem mehr Engagement der Eltern bei der Begleitung der Schullaufbahn ihrer Kinder.“ sagte einst Roland Koch (CDU) als er noch Ministerpräsident von Hessen war. Die einhellige Meinung aus Kreisen der Lehrer und Politiker gibt die Hauptschuld oftmals den Eltern, die sich einfach nicht genügend um ihren Nachwuchs kümmern. Es wird zu wenig geübt, gelernt, gelesen. Wie aber das Elternhaus den enormen Leistungsdruck und die Versäumnisse auffangen soll, die die Kinder auf schulischer Seite mitbringen, wenn der eigene Leistungsdruck auf der Arbeit immer größer wird und beide Eltern mehr Stunden arbeiten müssen als früher, um die Familie zu versorgen, darauf gibt niemand eine Antwort.

Die Lehrer sind schuld?

„Man muss versuchen, die besten Köpfe für die Schulen zu gewinnen.“ sagt der OECD-Bildungs- und Statistikexperte der Frankfurter Rundschau. „Noch immer regiert zu viel Zufall bei der Frage, wer an deutschen Hochschulen ein Lehramtsstudium anfängt“ sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU). Aha, also sind unsere Lehrer nur einfach dumm? Haben wir in die falschen Köpfe investiert? Allerorten beschweren sich Eltern zudem über Lehrer, die unmotiviert sind, ewig lange Ferien genießen, den Nachmittag über frei haben und alle Arbeit auf sie abwälzen. Wenn man dann natürlich auch noch mit schlechten Karrierechancen die Falschen angelockt hat, dann scheint ja alles klar zu sein. Aber wie sehen die Bedingungen für unsere Lehrer denn aus? Es ist mittlerweile gängige Praxis, einem Lehrer nur noch Zeitverträge zu geben, die maximal ein Schuljahr dauern und die Sommerferien bewußt ausklammern. So lassen sich sechs unproduktive Wochen einsparen, in denen der Mensch selbst zusehen muß, wie er sich über diese Zeit ernährt. 30 Schüler in einer Klasse, die der Lehrer allein zu betreuen hat. Der Lehrplan platzt aus allen Nähten, das ganze Wissen soll bitteschön in vorgegebener Zeit in jeden einzelnen Schülerkopf hineingeprügelt werden. Die meisten Geräte sind kaputt, Kopien gibt’s nicht umsonst und die Farbe blättert von den Wänden. Und im Ganzen gibt es viel zu wenig Kollegen, um das Arbeitspensum zu bewältigen, das an der Schule anfällt.

Wie also geht es?

Längst weiß man, wie es besser geht: Eine Schule, in der die Klassengrößen gering sind, die mehr als einen Lehrer hat, um die Schüler individuell nach ihren Begabungen fördern zu können. projektbezogenes, fach- und altersübergreifendes Lernen statt Frontalunterricht. Der Umgang mit unterschiedlichsten Materialien, mit Natur, mit Tieren, mit Musik, Kunst und Kultur bleibt nicht außen vor. Verantwortungsvoller Umgang mit den neuen Medien wird gelehrt. Ganztags mit gesunder Verpflegung und angemessener Zeit. Praktika in Betrieben und sozialen Einrichtungen. Keine Hausaufgaben. Und das von der ersten Klasse bis zum Abitur, alles auf der gleichen Schule.
Na? Hat Ihr Kind neben Ihnen (oder auch Ihr inneres in Erinnerung an eigene Schultage) gerade aufgeatmet? Das klingt wie ein Traum oder wie eine Utopie. Zu schön, um wahr zu sein. Aber so ist es nicht. Solche Schulen existieren. Nur eben nicht für alle. Es sind Privatschulen, wie der ‚Campus Klarenthal‘ in Wiesbaden. (‚Es komme vor, dass sie Kinder wegen des Geldes ablehnen müsse, sagt Wey-Falkenhagen. „Das schmerzt“. Doch die Schule brauche eben einen bestimmten Anteil Vollzahler. ‘ FR 26.10.2010) Auf eine solche Schule kommt nur, wer es sich leisten kann - oder eines der wenigen Stipendien ergattert, die für hochbegabte Schüler ausgelobt werden. Der Rest muß eben mit dem verlotterten und verkorksten IST-Zustand vorlieb nehmen, an dem wahlweise Eltern oder Lehrer „schuld“ sind.

Aber wer soll das bezahlen?

4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gab Deutschland 2007 für die Bildung aus. Zum Vergleich: Finnland, das mit seinem besseren Bildungskonzept bereits bei der letzten PISA-Studie unter den ersten Rängen rangiert hat, gab im Jahr 2005 6,4 Prozent aus, Tendenz steigend. Aber: „Es ist kein Geld da.“ hört man immer wieder. „Die Deutschen Staatskassen sind leer.“ Was nimmt uns das nötige Geld, das es braucht, um es in die Zukunft ALL unserer Kinder zu stecken? Ein paar Beispiele:

  • Die Körperschaftssteuer der Kapitalgesellschaften (Konzerne und Banken) ist von 56% auf 25% gesunken. (Bis 1990 56%, bis 1998 45%, bis 2000 40%, seit 2001 25%) Das allein blieb schon nicht ohne Folgen für die Staatskasse. Im Jahr vor der Steuerreform vom 01.01.2001 wurden noch 23,6 Mrd. Euro Körperschaftssteuer eingenommen. 2001 und 2002 mußten dagegen sogar noch Körperschaftssteuern an Kapitalgesellschaften zurückgezahlt werden.
  • Seit dem 01.01.2002 besteht Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne. Wenn also eine Bank eine Beteiligung an einer AG für 10 Millionen Euro kauft und sie für 100 Millionen Euro wieder verkauft, so hätte sie bei 25% Körperschaftssteuer immerhin noch 22,5 Millionen Euro Steuern bezahlen müssen. Seit 2002 bezahlt sie nichts mehr.
  • Der Spitzensteuersatz betrug 1991 noch 53% - mittlerweile sind wir bei 42-45% angekommen, Tendenz fallend.
  • Erträge aus Kapitalanlagen (hierunter fallen auch Gewinne aus Dividendenausschüttungen etc.) werden jedoch nicht einmal mehr im Rahmen der Einkommenssteuer versteuert. Sie fallen unter die Abgeltungssteuer, die Zinserträge pauschal mit 25% als „mit dem Staat abgegolten“ sieht.

Diese wenigen Beispiele sind logisch nachvollziehbare, wenn auch noch lange nicht die einzigen Gründe, weshalb die Staatskassen um so viel leerer sind als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Würde wenigstens hier das Rad der Steuerreformen kräftig zurückgedreht werden, wäre um einiges mehr Geld da, um Kindern aller Schichten die Schule zu ermöglichen, die sie verdient haben.

Luxus?

Jukka Sarjala, einst der Leiter des finnischen Zentralamtes für Bildungswesen, sagte einmal: „Finnland ist ein kleines Land. Wir brauchen jeden. Wir können es uns nicht leisten, Kinder schlecht auszubilden.“ Und wir? Wir brauchen offensichtlich nicht jeden. Wir sind scheinbar ein großes Land, das sich den Luxus gönnen kann, auf Steuereinnahmen derjenigen zu verzichten, die Geld besitzen - und unsere Kinder zu vernachlässigen.

Klarmachen zum Ändern!

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