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Bernd Fachinger
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Vorsitzender des KV Wiesbaden

Piratengedanke von Bernd Fachinger am 04. Januar 2013 über ...

In einer kleinen Stadt

Jüngst fiel mir wieder mal ein Buch in die Hände, das mich schon früher fasziniert hatte: "In einer kleinen Stadt" von Stephen King.


Es handelt sich bei diesem Buch um eine für King sehr typische Szenerie: Die Kulisse bildet ein auf den ersten Blick idyllisches Örtchen irgendwo in seiner Heimat. Es gibt dort ein geregeltes Leben mit dem ganz üblichen Alltag einer Kommune. Und den üblichen Beziehungen der Menschen untereinander. Alles könnte passieren - und nichts.


Aus den Bürgern rekrutieren sich Kings Protagonisten, von denen jeder einzelne beleuchtet wird, und seine Geschichte, seine Probleme, seine Eigenarten, seine Träume und Ängste herausgearbeitet werden. Sie leben mit- oder nebeneinander und scheinen nicht in einer besonderen Beziehung zueinander zu stehen.

In dieser Idylle eröffnet nun ein kleiner Laden, ein Trödelladen, überlebensunfähig eigentlich. Aber eben nur eigentlich. Er heißt "Needful Things". Man wundert sich allenthalben über diesen merkwürdigen Laden und seinen Namen, mit dem man nicht recht etwas anzufangen weiß. Doch es ist gerade diese Unscheinbarkeit, dieses Nicht-Werben für sein Geschäft, das die Menschen neugierig werden lässt.


Auch vom Besitzer, Lelant Gaunt. weiß man nichts, doch fällt -wiederum King-typisch- schnell auf, dass er eine Gabe hat: genau zu wissen, was seine Kunden wollen. Nicht im Sinne von brauchen, wie man eine neue Waschmaschine braucht, so dass man ihm möglichst das Teuerste als das Beste anpreisen könnte, sondern im Sinne von Habenmüssen, von hoffnungslosem Verfallen-Sein, von tiefstem, uraltem Sehnen nach Besitz eines Schönsten, Kostbarsten, koste es, was es wolle. Für den Einen ist es ein schäbiger -in seinen Augen jedoch wunderschöner- Fuchsschwanz, den er an seine Autoantenne hängt, für den Nächsten, einen Tiefgläubigen, ein behaupteter Splitter vom Kreuz Jesu, für eine Weitere eine Halskette mit teesiebartigem Anhänger und undefinerbarem, lebendigem Inhalt, der auf wundersame Weise ihre Arthroseschmerzen lindert, solange sie sie trägt. Sie alle finden, was sie suchen, immer gesucht haben. Und das Beste daran: Gaunt, der Besitzer, will dafür keinen Cent.


Er verlangt jedoch etwas anderes: nämlich eine Tat. Sein Preis ist, dass sein Kunde einem scheinbar x-beliebigen, ihm völlig unbekannten Bewohner der Stadt einen Streich spielt. Einen kleinen, an sich belanglosen Streich, wie die zum Trocknen aufgehängte Wäsche mit Schmutz bewerfen. Diesen Preis zahlen die Kunden gern.


Kings Kniff besteht nun darin, dass die Opfer der Streiche in ihrer Kleingeistigkeit die Falschen verdächtigen, nämlich die, mit denen sie eine Rechnung offen haben. Andere kommen erst gar nicht in Betracht. In den Racheakten führt Gaunt gekonnt Regie. Zwar regt sich in den Figuren Zweifel an dem, was sie tun, jedoch gibt es für sie kein Zurück. Sie fallen in ein umso tieferes Loch, je öfter sie sich von ihren Heiligtümern zu trennen versuchen, dabei durchaus erkennend, dass die Gegenstände ihr Wesen und Denken verändert. So bleiben sie Ihren Kleinoden verfallen.


Gaunt eskaliert die Situation, indem er für betroffene Opfer nun Waren ganz anderer Art feilbietet: Waffen und Sprengstoff. Jeder Größe und Art. Und mit ihnen jeweils den Auftrag zu einem weiteren Streich...


King schöpft mit Gaunt einen Charakter, der es versteht, auf der Klaviatur der Gefühle seiner Kunden zu spielen. Er gibt ihnen genau das, was sie brauchen. Sie geraten in ein Verhältnis der verzweifelten Abhängigkeit, der Willfährigkeit und der kritiklosen Unterordnung. Schleichend gerät der Wertekanon jedes Einzelnen aus den Fugen, schrittweise lassen sie sich zu immer grausameren Taten hinreißen, finden Rechtfertigungen dafür, erfinden Notwendigkeiten und Alternativlosigkeiten, immer in der Angst, ihres Wertvollsten wieder verlustig zu gehen.


Gaunts selbst benötigt dazu nur minimale Mittel: ein geschultes Auge für das Beziehungsgeflecht der Menschen untereinander und ein gutes Händchen, um ihre Seele zu streicheln.


Bis jemand dem ein Ende macht.


Ein gutes Buch. Man sollte es gelesen haben.

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