Daß unser Bildungssystem marode ist, das ist wohl für Niemanden eine Neuigkeit.
Doch wie soll das Rezept für eine bessere Bildung aussehen? Um sich diese Frage
zu beantworten, muß man sich ansehen, wie es derzeit um unsere Bildung bestellt
ist. Ich sehe Schüler, die bis spät abends an ihren Hausaufgaben sitzen. Die Angst
vor Prüfungen haben und Angst davor, nicht versetzt oder ausgesiebt zu werden. Sich
in die Schule quälen. Bulimieartig große Mengen Wissen in den Kopf hauen, nur um
ihn dann wieder erbrechen zu müssen und nichts von dem verstehen, was sie auswendig
lernen. Am Ende stehen sie alle einer großen Perspektivlosigkeit gegenüber und der
PISA-Test bescheinigt ihnen allen eine schlechte Leistung (-> Deutsche Schüler im
weltweiten Mittelfeld? Ist das für eines der reichsten Länder der Welt wirklich
ein Grund, sich endlich „in der Ersten Liga“ zu wähnen?). Die Schüler werden ab
der vierten Klasse bereits entweder als Minderleister aussortiert und in Hauptschulen
vergessen, auf zweifelhafte Realschulen geschickt oder in die Härte der Gymnasium
gepfercht, in der sie beweisen müssen, daß sie es auch wert waren.
Was läuft da schief?
Die Eltern sind schuld?
Wir brauchen mehr Anstrengung und vor allem mehr Engagement der Eltern bei der
Begleitung der Schullaufbahn ihrer Kinder.“ sagte einst Roland Koch (CDU) als er
noch Ministerpräsident von Hessen war. Die einhellige Meinung aus Kreisen der Lehrer
und Politiker gibt die Hauptschuld oftmals den Eltern, die sich einfach nicht genügend
um ihren Nachwuchs kümmern. Es wird zu wenig geübt, gelernt, gelesen. Wie aber das
Elternhaus den enormen Leistungsdruck und die Versäumnisse auffangen soll, die die
Kinder auf schulischer Seite mitbringen, wenn der eigene Leistungsdruck auf der
Arbeit immer größer wird und beide Eltern mehr Stunden arbeiten müssen als früher,
um die Familie zu versorgen, darauf gibt niemand eine Antwort.
Die Lehrer sind schuld?
„Man muss versuchen, die besten Köpfe für die Schulen zu gewinnen.“ sagt der
OECD-Bildungs- und Statistikexperte der Frankfurter Rundschau. „Noch immer regiert
zu viel Zufall bei der Frage, wer an deutschen Hochschulen ein Lehramtsstudium anfängt“
sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU). Aha, also sind
unsere Lehrer nur einfach dumm? Haben wir in die falschen Köpfe investiert? Allerorten
beschweren sich Eltern zudem über Lehrer, die unmotiviert sind, ewig lange Ferien
genießen, den Nachmittag über frei haben und alle Arbeit auf sie abwälzen. Wenn
man dann natürlich auch noch mit schlechten Karrierechancen die Falschen angelockt
hat, dann scheint ja alles klar zu sein. Aber wie sehen die Bedingungen für unsere
Lehrer denn aus? Es ist mittlerweile gängige Praxis, einem Lehrer nur noch Zeitverträge
zu geben, die maximal ein Schuljahr dauern und die Sommerferien bewußt ausklammern.
So lassen sich sechs unproduktive Wochen einsparen, in denen der Mensch selbst zusehen
muß, wie er sich über diese Zeit ernährt. 30 Schüler in einer Klasse, die der Lehrer
allein zu betreuen hat. Der Lehrplan platzt aus allen Nähten, das ganze Wissen soll
bitteschön in vorgegebener Zeit in jeden einzelnen Schülerkopf hineingeprügelt werden.
Die meisten Geräte sind kaputt, Kopien gibt’s nicht umsonst und die Farbe blättert
von den Wänden. Und im Ganzen gibt es viel zu wenig Kollegen, um das Arbeitspensum
zu bewältigen, das an der Schule anfällt.
Wie also geht es?
Längst weiß man, wie es besser geht: Eine Schule, in der die Klassengrößen gering
sind, die mehr als einen Lehrer hat, um die Schüler individuell nach ihren Begabungen
fördern zu können. projektbezogenes, fach- und altersübergreifendes Lernen statt
Frontalunterricht. Der Umgang mit unterschiedlichsten Materialien, mit Natur, mit
Tieren, mit Musik, Kunst und Kultur bleibt nicht außen vor. Verantwortungsvoller
Umgang mit den neuen Medien wird gelehrt. Ganztags mit gesunder Verpflegung und
angemessener Zeit. Praktika in Betrieben und sozialen Einrichtungen. Keine Hausaufgaben.
Und das von der ersten Klasse bis zum Abitur, alles auf der gleichen Schule.
Na? Hat Ihr Kind neben Ihnen (oder auch Ihr inneres in Erinnerung an eigene Schultage)
gerade aufgeatmet? Das klingt wie ein Traum oder wie eine Utopie. Zu schön, um wahr
zu sein. Aber so ist es nicht. Solche Schulen existieren. Nur eben nicht für alle.
Es sind Privatschulen, wie der ‚Campus Klarenthal‘ in Wiesbaden. (‚Es komme vor,
dass sie Kinder wegen des Geldes ablehnen müsse, sagt Wey-Falkenhagen. „Das schmerzt“.
Doch die Schule brauche eben einen bestimmten Anteil Vollzahler. ‘ FR 26.10.2010)
Auf eine solche Schule kommt nur, wer es sich leisten kann - oder eines der wenigen
Stipendien ergattert, die für hochbegabte Schüler ausgelobt werden. Der Rest muß
eben mit dem verlotterten und verkorksten IST-Zustand vorlieb nehmen, an dem wahlweise
Eltern oder Lehrer „schuld“ sind.
Aber wer soll das bezahlen?
4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gab Deutschland 2007 für die Bildung aus.
Zum Vergleich: Finnland, das mit seinem besseren Bildungskonzept bereits bei der
letzten PISA-Studie unter den ersten Rängen rangiert hat, gab im Jahr 2005 6,4 Prozent
aus, Tendenz steigend. Aber: „Es ist kein Geld da.“ hört man immer wieder. „Die
Deutschen Staatskassen sind leer.“ Was nimmt uns das nötige Geld, das es braucht,
um es in die Zukunft ALL unserer Kinder zu stecken? Ein paar Beispiele:
- Die Körperschaftssteuer der Kapitalgesellschaften (Konzerne
und Banken) ist von 56% auf 25% gesunken. (Bis 1990 56%, bis 1998
45%, bis 2000 40%, seit 2001 25%) Das allein blieb schon nicht ohne
Folgen für die Staatskasse. Im Jahr vor der Steuerreform vom 01.01.2001
wurden noch 23,6 Mrd. Euro Körperschaftssteuer eingenommen. 2001
und 2002 mußten dagegen sogar noch Körperschaftssteuern an Kapitalgesellschaften
zurückgezahlt werden.
- Seit dem 01.01.2002 besteht Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne.
Wenn also eine Bank eine Beteiligung an einer AG für 10 Millionen
Euro kauft und sie für 100 Millionen Euro wieder verkauft, so hätte
sie bei 25% Körperschaftssteuer immerhin noch 22,5 Millionen Euro
Steuern bezahlen müssen. Seit 2002 bezahlt sie nichts mehr.
- Der Spitzensteuersatz betrug 1991 noch 53% - mittlerweile sind
wir bei 42-45% angekommen, Tendenz fallend.
- Erträge aus Kapitalanlagen (hierunter fallen auch Gewinne aus
Dividendenausschüttungen etc.) werden jedoch nicht einmal mehr im
Rahmen der Einkommenssteuer versteuert. Sie fallen unter die Abgeltungssteuer,
die Zinserträge pauschal mit 25% als „mit dem Staat abgegolten“
sieht.
Diese wenigen Beispiele sind logisch nachvollziehbare, wenn auch noch lange nicht
die einzigen Gründe, weshalb die Staatskassen um so viel leerer sind als noch vor
zehn, zwanzig Jahren. Würde wenigstens hier das Rad der Steuerreformen kräftig zurückgedreht
werden, wäre um einiges mehr Geld da, um Kindern aller Schichten die Schule zu ermöglichen,
die sie verdient haben.
Luxus?
Jukka Sarjala, einst der Leiter des finnischen Zentralamtes für Bildungswesen,
sagte einmal: „Finnland ist ein kleines Land. Wir brauchen jeden. Wir können es
uns nicht leisten, Kinder schlecht auszubilden.“ Und wir? Wir brauchen offensichtlich
nicht jeden. Wir sind scheinbar ein großes Land, das sich den Luxus gönnen kann,
auf Steuereinnahmen derjenigen zu verzichten, die Geld besitzen - und unsere Kinder
zu vernachlässigen.
Klarmachen zum Ändern!